Haut et Fort
Früher hat Anas sein Geld als Rapper verdient, nun arbeitet er als Lehrer im Jugendzentrum von Sidi Moumen. Der Aussenbezirk von Casablanca gilt als Nährboden für Terrorismus und ist bisher nicht für seine Hip-Hop-Szene bekannt. Anas hat ein Gespür für das Potenzial der Jugendlichen und für Musik als Ventil: «Lauft nicht vor eurer Realität davon!», fordert er sie auf. Denn er kennt die Konsequenzen von Armut, fehlenden Perspektiven und einem Leben auf engstem Raum selber nur zu gut.
Werkangaben
- Regie
- Nabil Ayouch
- Drehbuch
- Nabil Ayouch, Maryam Touzani
- Produktion
- Nabil Ayouch, Amine Benjelloun, Alexandra Henochsberg, Bruno Nahon
- Kamera
- Amine Messadi, Virginie Surdej
- Schnitt
- Marie-Hélène Dozo, Julia Gregory, Yassir Hamani
- Musik
- Fabien Kourtzer, Mike Kourtzer
- Besetzung
- Anas Basbousi, Ismail Adouab, Meriem Nakkach, Zineb Boujemaa, Abdelilah Basbousi, Nouhaila Arif, Mehdi Razzouk, Amina Kannan, Samah Barigou, Maha Menan
- Land, Jahr
- MA/FR 2021
- Dauer
- 101 Minuten
- Verleih
- Goodfellas FR
- Altersempfehlung
- 16
Auszeichnungen
- 2021
- Carthage Film Festival: Best Music
Filmografie
- 1997
- Mektoub
- 2000
- Ali Zaoua prince de la rue
- 2007
- Whatever Lola Wants
- 2011
- My Land (doc)
- 2012
- Les Chevaux de Dieu
- 2015
- Much Loved
- 2017
- Razzia
- 2021
- Haut et Fort
- 2024
- Everybody Loves Touda
Zitat
Ein hoffnungsvoller Film, [der] Hip-Hop als eine Musikform [präsentiert], mit der man nicht nur über seine Probleme sprechen kann, sondern die auch eine Möglichkeit bietet, mit den Schwierigkeiten im Leben besser klarzukommen - und diesen im Idealfall sogar zu entfliehen. Das macht den Film so trotz der gezeigten schwierigen Umstände in Marokko schön und optimistisch.
OutNow.ch, 17.07.2021
Kommentare
Die arabische Rapmusik mag sich zwar zu Beginn für Ohren, die eher an europäische und US-amerikanische Rapperinnen und Rapper gewöhnt sind, etwas holprig anhören, doch nimmt dieser Audio-Widerstand mit andauernder Filmlänge stetig ab. Denn irgendwann wachsen uns einfach diese Schülerinnen und Schüler ans Herz, und wie sie sich dann Gehör verschaffen, lädt dann letzten Endes sogar zum Mitwippen ein.
Der Film zeichnet dabei ein Bild von Marokko, das den arabischen Frühling zwar durchgemacht hat, was jedoch im gezeigten Alltag nicht wirklich zu sehen und spüren ist. Noch immer gibt es lautstarke konservative Stimmen, die Rapmusik verteufeln. Der Film ist dabei clever genug und behandelt nicht einfach den Kampf zwischen Jung und Alt. Es gibt stattdessen viele Grautöne. Eine Schülerin, die sehr gerne rappt, zieht zum Beispiel einen Strich, wenn es in den Texten um Religion gehen soll. Das ist für eine Grenze, die sie nicht zu überschreiten gedenkt. Auf der anderen Seite haben einige Schülerinnen oder Schüler Brüder, die nicht viel älter als sie sind und vehement gegen ein organisiertes Rapkonzert vorgehen. Es ist eine sehr komplexe und komplizierte Situation, in der das Land steckt.
OutNow.ch, 17.07.2021
Kommentare
Ayouchs Film, gedreht über einen Zeitraum von 15 Monaten, was dem Projekt ein organisches Wachstum ermöglichte, behält trotz des Einsatzes von oft klischeehaften dramatischen Stilmitteln eine raue Authentizität. Wie <Ali & Ava> von Clio Barnard scheut auch diese bodenständige Geschichte nicht davor zurück, die zauberhaften Elemente des Musicals zu nutzen. Klar, die «vérité»-artige Kameraführung von Virginie Surdej und Amine Messadi erzeugt «eine dokumentarische Illusion» (mit Anklängen an <Être et Avoir> von Nicolas Philibert) und überzeugt uns so davon, dass das, was wir auf der Leinwand sehen, «real» ist. Doch Khalid Benghribs kraftvolle Choreografie lässt die Handlung über das Alltägliche hinauswachsen und Poesie und Tanz auf eine Weise verschmelzen, die mich teilweise an Philippe Lacôtes halluzinogenes ivorisches Gefängnisdrama <La nuit des rois> erinnert – ein völlig unterschiedlicher Film zwar, aber einer, der ebenfalls in mitreissender Weise dokumentarische und phantastische Elemente miteinander verbindet.
Mit der eigens komponierten Musik von Mike und Fabien Kourtzer sowie mit Performance-Szenen, die die Protagonisten vom Klassenzimmer ins Aufnahmestudio, auf die Bühne und darüber hinaus führen, versprüht <Casablanca Beats> (wie auch Ayouchs vorherige Filme <Mektoub>, <Ali Zaoua prince de la rue>, <Les Chevaux de Dieu> und <Razzia> der marokkanische Oscar-Kandidat) eine ansteckende Energie, die uns in die sich ständig verändernde Welt seiner Figuren hineinzieht. Vor allem aber tut er auf eine sowohl verlockende wie auch zugängliche Weise und gibt so jenen jungen Stimmen eine Plattform, von deren positiver Kraft in immer unruhigeren Zeiten Ayouch fest überzeugt ist, und mit denen er «ein Zeichen für den Wandel der Welt» setzt. Angesichts solcher Beweise kann man kaum widersprechen.
The Observer, 01.05.2022 (übers. ds)