Taste of Cement

Vorstellung vom
  • Regie: Ziad Kalthoum
  • LB/DE/SY/QA/AE 2017
  • 85 Minuten
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Taste of Cement

Beim Sandstrand von Beirut. Tag für Tag steigen syrische Bauarbeiter bei Sonnenaufgang aus dem Untergeschoss eines Hochhauses im Rohbau, wo sie essen und schlafen. Sie steigen den Wolkenkratzer empor und treiben den Bau weiter in die Höhe. Sie bringen Beton aus, schalen Säulen und errichten Wände. In den Pausen schweifen ihre Blicke über die prächtige Silhouette der neu erbauten Stadt am Meer, eine Aussicht, die der Kranführer den ganzen Tag zu sehen bekommt. Doch sie dürfen den Bau nicht verlassen und die Freizeit in der Stadt oder am Meer verbringen. In der libanesischen Gesellschaft sind syrische Arbeiter nicht willkommen.

EF

Werkangaben

Regie
Ziad Kalthoum
Drehbuch
Ansgar Frerich, Ziad Kalthoum, Talal Khoury
Produktion
Mohammad Ali Atassi, Ansgar Frerich, Eva Kemme, Tobias Siebert
Kamera
Talal Khoury
Schnitt
Alex Bakri, Frank Brummundt
Musik
Sebastian Tesch
Land, Jahr
LB/DE/SY/QA/AE 2017
Dauer
85 Minuten
Verleih
Cinelibre

Begründung / Zitat

In der Darstellung dieses Universums von Männern, die etwas aufbauen, leisten Kalthoum und sein libanesischer Kameramann Talal Khoury Unglaubliches. Eine visuelle Poesie, die an frühes sowjetisches Kino erinnert.

Geri Krebs
NZZ, 25.4.2017

Kommentare

Ohne jemals das ästhetische Register zu wechseln, wird aus einer filmischen Formstudie über die spezifischen Geometrien des Hochhausbaus in Beirut ein berührendes und tieftrauriges Dokument über Flucht und Gefangenschaft, über Krieg und Wiederaufbau – und darüber, dass diese Dinge ein und dasselbe sind. Nebst einem fiktiven poetischen Monolog eines unbekannten Arbeiters findet die Vermittlung der Informationen allein über die verschiedenen Geometrien statt, die der Film mittels Kameraeinstellungen, Schnitt und Ton kreiert oder einfach wiedergibt. Da ist die nicht ganz rautenförmige Öffnung im Erdgeschoss des Hochhauses, in der die Arbeiter morgens erscheinen und in der sie abends wieder verschwinden, um in den katakombenartigen Kellerräumen die Nacht zu verbringen. Da findet der in die Mitte des Bildes hinausragende Kranarm eine visuelle Entsprechung im Geschützrohr des Panzers, der da, wo gerade Krieg ist, die Häuser wieder zerstört. Und da sind immer wieder die von unfertigen Wänden gerahmten Aussichten auf die Stadt und das Meer, die in einer anderen Welt Freiheit verheissen. Ihr Gegenstück finden diese Aussichten auf den TV- und Handybildschirmen, mittels derer sich die Männer vom Krieg heimsuchen lassen. In extremen Nahaufnahmen spiegeln sich diese Bilder in ihren Augen; brennen sich nicht nur in ihre Seelen, sondern, dreifach gebrochen, auch in unsere.
Auch der Rhythmus von Taste of Cement selbst folgt gewissen Gesetzmässigkeiten. Gleicht die Beobachtung des Auf und Ab der Arbeiter am Hochhaus einem ruhigen Atmen, steigert dieses sich im Verlauf des Films zu einer Hyperventilation zwischen den verschiedenen Erfahrungsebenen: zwischen Baustelle und Krieg, Erinnerung und Wirklichkeit, Aufbau und Zerstörung, Leben und Tod. Dabei handelt es sich – dem Wachsen des Hochhauses zum Trotz – nie um eine Progression, sondern stets nur um Zyklen. Vor dreissig Jahren war es Beirut, das während des Libanonkriegs zerstört wurde. In zehn Jahren werden es vielleicht die Flüchtenden eines weiteren Kriegs sein, die Syrien wiederaufbauen, während in deren Heimat alles zusammenfällt. Sisyphus’ Stein ist hier aus Zement geformt; auf dem Gipfel warten der Krieg und die Bomben. Jeder, der diesen erlebt hat, kenne den Geschmack von Zement. Er klebt an den Händen, auf der Zunge, auf der Seele. Eine Sequenz aus dem Krieg – eine Erinnerung? – ist nur schwer erträglich. Für einmal bewegt sich die Kamera horizontal, in ein zusammengestürztes Gebäude hinein, aus dem die wenigen Überlebenden befreit werden sollen. Der Zement, aus der geometrischen Form geraten, droht alles zu verschlingen – auch jene, die ihn in Form gegossen haben.
Die letzte Bewegung des Films ist eine noch nie dagewesene. Aus einem durch die Stadt fahrenden Betonmischer heraus zeigt die sich drehende Kamera ein gleichsam spiralförmiges Abbild der Stadt. Man kann etwas von der ewigen Wiederkehr des Gleichen in diese Bewegung hineinlesen. Oder sich endgültig der hypnotischen Traurigkeit dieses Films ergeben. Der Traurigkeit eines Hilferufs, der weiss, dass er nichts wirklich bewirken wird, selbst wenn er gehört werden sollte.

Dominic Schmid
Filmbulletin, 1/2018

Auszeichnungen

2017
Nyon Visions du Réel: Grand Prix
2017
Camden International Film Festival: Harrell Award for Best Documentary
2017
Adelaide Film Festival: Best Documentary

Filmografie

2014
The Immortal Sergeant (Al-Rakib Al-Khaled)
2017
Taste of Cement

Practice

Vorprogramm
  • Regie: Lyabo Kwayana
  • CHN 2018
  • 10 Minuten
zum Hauptfilm

Practice

Der in China gedrehte Film Practice drückt die Liebe der Filmemacherin zu Menschen aus, die sich auf kollektive Praktiken einlassen.

EF