Neon Bull
Boi Neon

Vorstellung vom
  • Regie: Gabriel Mascaro
  • BR/UY/NL 2015
  • 101 Minuten
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Neon Bull

Iremar arbeitet als Cowboy beim Vaquejada, einer traditionellen Form des Rodeos, wie sie im Nordosten Brasiliens praktiziert wird. Bei ihr bringen zwei Reiter den Stier zu Fall, indem sie ihn am Schwanz packen. Es ist ein schmutziger und anstrengender Job, doch Iremar ist der geborene „Vaqueiro“ und kümmert sich mit vollem Einsatz um seine Tiere. Sein Zuhause ist der Truck, den er sich mit seiner Truppe teilt. Die Textilindustrie boomt. Und auch Iremar träumt insgeheim von Schnittmustern, Pailletten und Stoffen, die er in Gedanken zu exotischen Kostümen für Tänzerinnen zusammensetzt.

DS

Werkangaben

Regie
Gabriel Mascaro
Drehbuch
Gabriel Mascaro
Produktion
Rachel Ellis
Kamera
Diego García
Schnitt
Fernando Epstein, Eduardo Serrano
Musik
Carlos Montenegro, Otavio Santos
Besetzung
Juliano Cazarré (Iremar), Maeve Jinkings (Galega), Vinícius de Oliveira (Júnior), Alyne Santana (Cacá), Josinaldo Alves (Mário), Samya De Lavor (Geise)
Land, Jahr
BR/UY/NL 2015
Dauer
101 Minuten
Verleih
Memento Films, Paris

Begründung / Zitat

Liebevolles, poetisches-subversives und ausserordentlich sinnliches Porträt einer umherziehenden Gruppe von Rodeo-Arbeitern, die eine Art Ersatzfamilie bilden. Man kann die tierischen und menschlichen Körper, den Schweiss und andere Flüssigkeiten regelrecht riechen.

Dominic Schmid
Filmgilde (Carte blanche)

Kommentare

Der Film ist angesiedelt im Vaquejadas-Milieu, einem Rodeosport, der im Norden Brasiliens populär ist, und erzählt von Iremar, einem Cowhand, der Teil einer reisenden Truppe ist. Zwar ist er äusserst souverän in seinem Umgang mit den Tieren, aber seine wahre Leidenschaft ist die Mode. So entwirft er das Kostüm für Galega, jene in rot getauchte Tänzerin, die zusammen mit ihrer Tochter und zwei anderen Arbeitern Teil der kleinen Crew ist. Mit dieser Ausgangsposition findet Neon Bull allerhand spannende Konflikte, die weniger narrativ als konzeptuell arbeiten. Wie in seinem August Winds verwendet Mascaro dokumentarische und fiktionale Techniken und komponiert ein Bild der Spontanität und des Lebens. Dass er dieses Mal grösstenteils mit bekannten brasilianischen Schauspielern arbeitete, tut der Lebensnähe keinen Abbruch.

Mascaro zieht einen sofort mitten hinein in dieses spannende Milieu. Seine dokumentarischen Wurzeln und sein sozioökonomisches Interesse liefern schon nach wenigen Szenen ein spannendes Bild einer Aussenseiterwelt. Iremar pflegt die Bullen und präperiert deren Schwänze unmittelbar vor dem Wettkampf, der daraus besteht, dass ein Bulle von zwei Reitern innerhalb einer durch Linien markierten Grenze am Schwanz gezogen und so zu Fall gebracht wird. Diversen Quellen zur Folge ist dieser „Sport“ hinter Fussball tatsächlich der gewinnbringendste der Region. Statt sich in kleinen Dramen und einer möglichen Romantisierung dieser Welt und Figuren zu verlieren, nutzt Mascaro das allegorische Potenzial dieser testosterongeladenen Welt und stellt sie in Frage. Das bedeutet in diesem Fall vor allem, dass er Vorurteile bezüglich des Männerbildes dieser scheinbaren Machowelt hinterfragt.
Man spürt eine grosse Kontrolle über Bilder und Bewegungen. Kameramann Diego Garcia (der auch Apichatpong Weerasethakuls Cemetery of Splendour fotografierte) fügt den körperlichen und farbigen Welten von Mascaro, die man schon in dessen August Winds bewundern konnte, faszinierende Konturen hinzu. So rennen tatsächlich mit Neonlicht beleuchtete Bullen durch die Arena und die Sinnlichkeit der männlichen, weiblichen und tierischen Körper wird jederzeit greifbar. Zudem deutet der Film seinen Bruch mit Tabus nicht nur an, er vollzieht ihn wirklich. Immer wieder vermag Neon Bull Sexualität als etwas Fliessendes darzustellen. Man treibt wie durch einen Traum von Körpern. Aus dieser Unsicherheit heraus gelingt es dem Kino von Mascaro, Gefährlichkeit und Freiheit zu entwickeln, die viele Versprechen in sich tragen. Und letztlich entwickelt sich daraus eine Lust an der Sinnlichkeit von Körpern, die Begehren von sich selbst ausstrahlen statt durch die Blicke, die auf sie geworfen werden.

Patrick Holzapfel
Kino-Zeit, 2015

Auszeichnungen (Auswahl)

2015
Venice Film Festival: Horizons Special Jury Prize
2015
Rio de Janeiro International Film Festival: Best Film, Best Screenplay, Best Supporting Actress (Alyne Santana), Best Cinematography
2015
Hamburg Film Festival: Critic's Award
2015
Adelaide Film Festival: Best Feature
2016
Cartagena Film Festival: Best Film
2016
Durban International Film Festival: DIFF Award for Artistic Bravery
2017
Cinema Brazil Grand Prize: Best Film (Audience Award), Best Actor (Juliano Cazarré), Best Cinematography, Best Original Screenplay
2008
The Beetle KFZ-1348 (doc)
2009
High-Rise (Um Lugar ao Sol) (doc)
2010
Avenida Brasília Formosa (doc)
2012
Housemaids (Doméstica) (doc)
2014
August Winds (Ventos de Agosto)
2015
Neon Bull (Boi Neon)
2019
Divine Love (Divino Amor)