Lara

Vorstellung vom
  • Regie: Jan-Ole Gerster
  • DE 2019
  • 98 Minuten
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Lara

Lara Jenkins feiert ihren 60. Geburtstag, doch viel Grund zur Freude gibt es eigentlich nicht: Nicht nur beginnt sie den Tag wie jeden anderen Tag auch mit einem Tee und einer Zigarette, noch dazu hat ihr Sohn Viktor genau heute ein grosses Solo-Klavierkonzert, bei dem er eine eigene Komposition spielen wird. Doch seine Mutter hat Viktor nicht eingeladen, dafür aber seinen Vater Paul und dessen neue Lebensgefährtin. So leicht lässt sich Lara jedoch nicht entmutigen: Sie hat sich die letzten verfügbaren Konzertkarten gesichert und verteilt diese nach Gutdünken, um sich damit selbst ein Geburtstagsgeschenk zu machen. Doch dann kommt alles anders als geplant und der Tag nimmt eine unerwartete Wendung…

DS

Werkangaben

Regie
Jan-Ole Gerster
Drehbuch
Blaž Kutin
Produktion
Marcos Kantis
Kamera
Frank Griebe
Schnitt
Isabel Meier
Musik
Arash Safaian
Besetzung
Corinna Harfouch (Lara Jenkins), Tom Schilling (Viktor Jenkins), Rainer Bock (Paul Jenkins), Volkmar Kleinert (Prof. Reinhoffer), André Jung (Herr Czerny)
Land, Jahr
DE 2019
Dauer
98 Minuten
Verleih
Pathé

Begründung / Zitat

Lara ist wieder ein grosser Wurf geworden: ein Porträt von beeindruckender Tiefe und die Aufforderung, unser Leben zu überprüfen.

Martina Knoben
epd-Film, 22.10.2019

Kommentare

Jan-Ole Gerster zeichnet den Weg Laras durch den Tag ganz ähnlich wie Oh, Boy als Tragikomödie, die aus einzelnen Episoden besteht. Es ist ein herbstliches Flanieren, bei dem sich absurde Komik und Traurigkeit, böser Witz und zarte Melancholie munter abwechseln. Seine Titelheldin ist keine Sympathieträgerin, sondern eine zynisch gewordene Frau voller Fehler und Schwächen, die mal eben einem Klavierschüler in einem Konservatorium eine Extrastunde erteilt und ihn dabei so sehr frustriert, dass dieser danach vermutlich alle Hoffnung fahren lässt und nie wieder ein Piano auch nur anfassen möchte.
Und doch ist man als Zuschauer niemals angewidert von dieser Frau, die mit Brachialität und einer gehörigen Portion Ich-Bezogenheit durchs Leben pflügt und dabei jede Menge verbrannte Erde hinterlassen hat. Bei einem Besuch an ihrer ehemaligen Arbeitsstelle erfahren wir, dass sie als Chefin eines Amtes bei vielen Mitarbeitern regelrecht verhasst war. Zugleich aber spürt man bei all diesen Begegnungen auch die Verletzlichkeit Laras, ihre schonungslose Ehrlichkeit, mit der sie ihre Mitmenschen malträtiert, die autistischen Züge, die sie wiederkehrend zu durchbrechen versucht. Immer wieder gibt es kleine Hoffnungsschimmer, dass sich vielleicht doch noch etwas zum Guten oder zumindest zum Besseren wenden könnte. Und dem folgt mit schöner Regelmässigkeit der nächste Tiefschlag. Fast genau wie im richtigen Leben.

Joachim Kurz
Kino-Zeit.de, 08.11.2019

In der Adaptierung spiegelt sich nun wiederum der zentrale Konflikt zwischen Lara und Viktor: die Frage der Originalität im Gegensatz zur interpretierenden Virtuosität. Viktor nimmt das Wagnis auf sich, ein Werk vorzulegen, das vielleicht nicht der ganz grosse Wurf ist, aber immerhin sein eigenes. Woran soll man ihn auch messen? An Mozart? An Michael Nyman? Ein Komponist im frühen 21. Jahrhundert hat es mit einer vieldeutigen Tradition zu tun, und es wäre eigentlich zu verstehen gewesen, wenn Gerster es unterlassen hätte, diesem Stück von Viktor die Konkretion im Film zu ersparen. Da er es aber realisieren liess, also tatsächlich eine (Film-)Komposition zur Aufführung bringt, bekommt Lara noch einen stärkeren Akzent: was er von der Musik erzählt, könnte unbewusst auch vom Kino erzählen.
Von einer künstlerischen Position nämlich, die sich selbst nicht anders als zwiespältig verstehen kann. Lara ist ein beinahe klassischer Film, souverän erzählt, gut gespielt, exzellent fotografiert an vornehmlich West-Berliner Schauplätzen. Zugleich aber ist Lara eine tastende Bewegung in Richtung eines Ausbruchs aus diesen Kategorien der Qualität. Der Sprung ins Leere, der zu Beginn kurz im Raum steht, unterbleibt, prägt aber dann alle Wege von Lara, und er prägt auch die Weise, wie der Film auf sie blickt: als wären all die kleinen Affronts, mit denen sich hier eine Frau unmöglich macht, eine Abbitte an eine Radikalität, die dann tatsächlich nur in der Interpretation eines klassischen Stücks ihren genuinen Ausdruck findet. In Lara ist diese Utopie eingehegt auch in eine Kinotradition, die Gerster am Ende sprengt, indem er an eine andere Kunst appelliert.

Bert Rebhandl
FAZ, 06.11.2019

Auszeichnungen (Auswahl)

2019
Karlovy Vary International Film Festival: Special Prize of the Jury, Award of Ecumenical Jury, Best Actress
2019
Filmfestival München: Fipresci-Preis
2020
Bayerischer Filmpreis: Filmmusikpreis (Arash Safaian)
2020
Preis der deutschen Filmkritik: Beste Darstellerin (Corinna Harfouch)

Filmografie

2004
Der Schmerz geht, der Film bleibt (doc)
2012
Oh Boy
2019
Lara